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Uno Waenerberg - der König von Thule.

Die NORDLANDSEITE traf in Kaamanen Verwandte des legendären Lapplandmenschen

Uno Wænerberg – der König von Thule

Es ist der 12. Januar des Jahres 1970. Viel Schnee liegt auf dem Weg. Ungewöhnlich viel Schnee in diesem Winter, denkt Uno Wænerberg. Der 89 Jahre alte Mann sattelt sein altes Pferd, um das, was mal sein Hof war, zu verlassen. Über die Landstraße 970, die durch Kaamanen führt, will der alte Mann zum Kaufmannsladen, der ein paar Meter nördlich liegt. Er braucht neuen Kaffee.

Eine dunkle Helligkeit liegt über der Landschaft, ein großes Nordlicht flackert am Himmel. Im Südwesten lässt sich der Lauf der Sonne unter dem Horizont erahnen. Nach wenigen Metern lässt Wænerberg seinen Gaul anhalten, um in den Himmel zu schauen. Wie ein Vorhang weht der grüne Lichtschimmer über den schwarzen Baumwipfeln. Wænerberg hustet und bindet den Schal fester. Der Atem steigt in der Kälte empor.

Dabei dreht er den Kopf und kann schemenhaft seinen Hof erkennen. Sein Hof, sein ‚Thule‘, wie er ihn nennt. Nicht viel ist davon übrig geblieben.

„Die Deutschen haben alles zerstört. Damals als sie den Krieg hier im Norden verloren hatten, und wir Finnen vom Waffenbruder zum Kriegsgegner wurden. Die deutschen Soldaten zogen von der Nordfront gen Süden. Doch dann kamen die Brandstifter. Sie trugen die gleichen Uniformen, die gleichen Symbol. Sie brannten alles nieder. Thule wurde ein Opfer der Flammen.“

Wænerberg muss wieder husten.

„Ja, das ist meine Landstraße.“, denkt der alte Mann auf dem Pferd, aber ohne Besitzansprüche anzumelden. „Ja, meine Straße – mein Leben.“ Wie ein Film rauschen die Bilder an seinen Augen vorbei. Er sieht seine Eltern, wie sie aus Finnlands Süden mit vier Kühen und Bullen nach Kaamanen kamen, damals 1876.

Der alte Hof Thule bei Kaamanen. Links die alte Sauna. Die anderen Gebäude wurden ein Opfer der Flammen. Diese Aufnahme entstand wahrscheinlich 1927/28.

Die alte Sauna im Sommer 2004.

Vater Mauritz wird zum Revierförster von den riesigen Landmarken Inari und Utsjoki benannt. Am Ufer des Kaamasjoki baut er ein großes Gehöft. Hier unter seiner Hand wachsen Pflanzen und Kräuter, die zuvor in Lappland unbekannt waren. Linné hätte seine helle Freude daran gehabt! Sein Rufname ist ‚Kaptenen‘ - Kapitän. Von seinem Status ist er eher mit einem mächtigen Schamanen zu vergleichen. Der Kapitän aber befiehlt nicht, zaubert nicht - er hilft, und das wo, er kann! So ist Thule eine Mischung aus Försterhaus, Herberge, Postamt und Forschungsinstitut. Fünf Kinder bekommt das Ehepaar Wænerberg, zwei Mädchen und drei Jungen. Einer von ihnen ist Uno, der in der Silvesternacht 1881 geboren wird.

Dann kommt das schwarze Jahr 1920. Die Spanische Grippe mordet auch im hohen Norden. Viele, viele Lappländer müssen begraben werden. So sterben die geliebte Mutter Anna Paulina 72-jährig und der Bruder Sune 40-jährig nur wenige Tage auseinander. Aus Kummer über den Verlust folgt der 80-jährige 'Kaptenen' Mauritz Wænerberg knapp zwei Jahr danach – ausgerechnet an Unos Geburtstag. Wohl als eine Folge der Spanischen Grippe erkrankt Uno Wænerberg später insgesamt elf Mal an einer Lungenentzündung, die ihn jedes Mal bis an den Rand des Todes bringt.

Uno Wænerberg übernimmt den 500 Hektar großen Hof und baut ihn aus. Der Gasthof hat jetzt sechs Betten, hier gibt es einen Kaufmannsladen, und es wird Musik vom Grammophon gespielt. Am Dampfradio treffen sich die Nachbarn, piekfein gekleidet, sonntags zum Hören des lutherischen Gottesdienstes, der aus der ältesten Kirche Helsinkis übertragen wird. Und wochentags verteilt Uno die erste Zeitung in Lappland.

Viele Leute in Lappland bringen den Wænerbergs ihre Töchter und Söhne, weil z. B. die Mutter bei der Geburt gestorben ist und der Vater nicht alleine für das Kind sorgen kann. So haben Mauritz und Uno Wænerberg viele Kinder. Uno selbst hat später keine eigenen. Sein soziales Engagement lässt ihm kein Freiraum für eine eigene Familie. Warum auch – Lappland ist sein Leben, und er ist Teil des lappländischen Lebens.

Uno Wænerberg wird zum „König von Thule“ Es ist kein Spottname, sondern eine hohe Auszeichnung. So sehr ist der Name Wænerberg im Norden bekannt und geachtet.

Auf Thule entsteht ein Postzentrum. Hier werden die Briefe und Pakete, die mit Kaffee, Zucker, Salz oder Pflanzensamen gefüllt sind, von Ivalo zentral für das nördliche Lappland hingebracht. Von hier fahren Schiffer mit der Post in ihren Booten über den Inari-See, wagen sich Waldläufer in die Moore bis nach Utsjoki oder treiben Samis mit ihren bepackten Schlitten die Rentiere an. Nicht nur die Post wird verteilt, auch ist hier die erste Telefonzentrale in Lappland. Der Strom aus der Steckdose kommt aber erst Anfang der sechziger Jahre.

Dann herrscht Hitler, das Naturverhältnis ist gestört. Mit dem deutschen Hauptmann versteht sich Wænerberg. Hass ist ihm, Wænerberg, fremd. Der Hauptmann rückt ab. Andere deutsche Verbrecher brandmarken jetzt Lappland, setzen das geliebte Thule in Flammen. So einer Aggression steht Wænerberg hilflos gegenüber. Nur das Saunahaus übersteht schwerbeschädigt als einziges Gebäude das Flammeninferno. Nach dem Zweiten Weltkrieg baut Wænerberg Thule provisorisch wieder auf, doch das alte Thule entsteht nie wieder. Als Hauptgebäude dient nun das ehemalige Hauptquartier der deutschen Soldaten, was nach Thule gebracht wird.

Ende der vierziger Jahre werden die Straßennetze immer besser ausgebaut. Wænerberg hat nur noch zwei Pferde, und der Postdienst wird immer weniger. Ein neuer Zeitgeist ist jetzt in Lappland heimisch.

In den Fünfzigern bekommt Wænerberg Besuch von weither. Es ist der ehemalige deutsche Hauptmann, der als Tourist kommt. Es täte ihm alles schrecklich leid. Aber das blinde Zerstörungswerk waren die bösen, bösen anderen.

Uno Wænerberg hadert nicht mit dem Schicksal. Ihm helfen jetzt die von ihm Geholfenen. In seinem Gewächshaus wachsen noch immer Salate, Tomaten, Kräuter, und zu Ostern und Weihnachten blühen bunte Blumen.

Ebenfalls in den Fünfzigern gibt es hohen Besuch auf Thule. Der finnische Minister und spätere Staatspräsident Urho Kekkonen stattet Uno Wænerberg einen Besuch ab. Denn er hat schon viel über diesen legendären Nordmann und von seinen Verdiensten in Lappland gehört...

 

Diese und ganz viele andere Szenen laufen an Uno Gustaf Mauritz Wænerbergs Augen vorbei. Das Nordlicht hat jetzt seinen Höhepunkt erreicht. Uno glaubt das Nordlicht knistern zu hören. Es zischt in der Luft, zwischen den Bäumen und auf dem Schnee. Uno bekommt einen Hustenanfall. Dann fällt der König von Thule tot vom Pferd in den weichen weißen Schnee. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. In den starren Augen reflektiert sich das himmlische Lichterspiel.

Sind von dem alten Curt-Biging-Buch ganz angetan: Karin Castrén (li), Großnichte, und Kirsti Ilona Säderinne, eine Stieftochter von Uno Wænerberg.

So kann sich das Ende des legendären Königs von Thule zugetragen haben. Die NORDLANDSEITE traf in Kaamanen Karin Castrén, Großnichte, und Kirsti Ilona Säderinne, geborene Sarre, eine Stieftochter von Uno Wænerberg.

Viele Bäume wachsen heute auf dem Hof. Die zerstörte Sauna verrottet weiter versteckt zwischen hohen Pflanzen. Ein kleines rotes Holzhaus aus neuerer Zeit erinnert mit dem Schild ‚Thulentupa‘ an der Türe an das alte Thule. Davor wachsen blaue Lupinen. Ein größeres Blockhaus aus uralten Balken, das ehemalige deutsche Hauptquartier, ist das größte Gebäude auf dem Wænerbergschen Anwesen.

Ein braunes Schild mit goldenen Lettern erinnert an den Hof Thule, das 'Ultima Thule' für alle Lapplandreisenden in den 20er und 30er Jahren.

Am meisten hat Kirsti Säderinne zu erzählen. Sie weiß noch, wo die alten Gebäude standen. Aufgeregt blickt sie in das alte Biging-Buch „Inari – ein Lapplandfahrt“ von 1929, wo Fotos von Uno Wænerberg und Thule abgebildet sind.

„Ja, das war Uno.“, erinnert sie sich. „Mein Vater brachte mich Ende der zwanziger Jahre nach Thule, er konnte nicht mehr für mich sorgen. Damals war ich drei, vier Jahre alt. Ich wohnte dann mit auf dem Hof.“ So war Uno Patenonkel von Dutzenden von Kindern.

Kirsti Säderinne lebt heute immer noch in Kaamanen, jetzt ist sie 78 Jahre alt. Später heiratete sie, bekam vier Kinder. Nun ist sie Witwe. Nach ihrem Weggang von Thule damals arbeitete sie als Haushälterin.

„Auf Thule war ein ständiges Kommen und Gehen. Immer kamen Menschen und wollten den Rat von Uno. Er war alles für sie– außer Pfarrer! Ich erinnere mich an einen Maler aus Tampere,  der längere Zeit auf Thule wohnte. Er malte ganz bunte Bilder. Wir hatten sogar einen Lieferwagen, aber Uno besaß noch nicht einmal einen Führerschein.“

Die Großnichte Karin Castrén kann sich nur an wenige Details erinnern, da sie nicht auf Thule gelebt hat. Sie ging später nach Espoo, wo sie als Zahnärztin arbeitete. Dort lebt sie noch heute.

„Doch wir waren oft zu Besuch da. Die vielen herrlichen Pflanzen sind mir in guter Erinnerung. Unten am Ufer des Kaamasjoki hatten oft Freunde ihre Zelte aufgeschlagen.“, weiß sie noch. Auch kamen viele Samís zu Besuch.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Thule in Schutt und Asche. Da gingen wir los und bauten mit Nachbarn das Hauptquartier der Deutschen ab, um es auf Thule wieder neu zu errichten. Uno brauchte ja ein festes Dach über den Kopf.“, erinnert sich Kirsti. Sie und Karin sind sich einig: „Kaptenen Mauritz und sein Sohn Uno, der König von Thule, waren besondere Menschen!“

Karin Castrén  ist heute immer noch begeistert von den vielen Blumen auf Thule.

Sogar in alten deutschen Büchern findet Wænerberg Erwähnung. Curt Biging (*1887 – 1950) bezeichnet Thule in seinem Inari-Buch von 1929 als „feines Gehöft“ und schwärmt von der „richtig niedrigen, dunklen, hölzernen Bauernsauna mit einem Ofen aus rohen Felssteinen.“ (S. 65). Biging schreibt den Namen ‚Vänerberg‘.

In „Abenteuer an der Eismeerstraße“, 1939, geschrieben von der früheren Stummfilmschauspielerin und späteren Fotografin Carla Bartheel (*1902 - 1983 ), ist Uno Wænerberg – bei ihr ‚Venneberg‘ geschrieben – wahrscheinlich an einer seiner vielen Lungenentzündungen schwer erkrankt:

„Die Vennebergschen Frauen empfingen uns mit besorgten Gesichtern. Man sprach im Flüsterton. Eine gedämpfte Aufregung herrschte überall. Die Türen öffneten und schlossen sich geräuschlos. Schüsseln und heiße Tücher trug man hin und her. Mir wurde Tee und Kuchen vorgesetzt und ein Fensterplatz angewiesen. Herr Venneberg sei sehr schwer krank (...), während ich Herrn Vennebergs guten Kuchen aß. Ich schaute durch die Fenster auf tauenden Schnee und ein paar Schuppen, und sah zu, wie unser Fahrer Postsäcke aus dem kleinen Posthäuschen schleppte, das mit zu dem Vennebergschem gehörte. Auch darum hatte sich Herr Venneberg zu kümmern, und dann noch – außer seinem ländlichen Anwesen – um seinen Kaufmannsladen. Man nannte ihn den Markgrafen. Wie viele Touristen holten sich schon bei ihm Rat und Hilfe. Und nun lag der Helfer und Berater ein paar Zimmer weiter hilflos und konnte sich nicht einmal um meine Reise nach Utsjoki kümmern.“ (S. 126).

Auf dem Friedhof von Inari liegt Uno Wænerberg begraben, direkt neben seinen Eltern und seinem Bruder Sune. Auch hier spürt man die Bescheidenheit dieses Mannes. Klein und schlicht ist der schwarze Grabstein. Aber jemand in Lappland denkt noch heute an den König von Thule – am Grab stehen frische Blumen.

Auf dem Friedhof bei Inari sind die Wænerbergs begraben: Links die Grabstätte der Mutter und des Bruders, in der Mitte der Vater und rechts der bescheidene Grabstein von Uno Wænerberg.

Einen großen Dank an Lisa Fabritius. Ohne sie wäre diese Reportage nicht zu Stande gekommen!

Die Schwarz-Weiß-Bilder sind dem Buch „Inari - eine Lapplandfahrt“ von Curt Biging, 1929 entnommen.

Ebenfalls Dank an Heiko Gentzik für weitere Informationen zu Carla Bartheel.

Autor und Fotos: Th. Bujack

Veröffentlichung und Verbreitung nur mit Einverständnis des Autors!

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